Brief #1 von Clumsy

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22.Mai 2016, JVA Görlitz

Hallo ihr lieben Menschen da draußen!

Mittlerweile bin ich nun vier Tage hier im Knast in Görlitz und habe mich, soweit es geht, ganz gut hier eingelebt.

Ich hab gleich am Anfang ne Einzelzelle bekommen und bin auch ganz froh darüber so gelegentlich meine Ruhe zu bekommen. Von meinem Fenster hab ich Aussicht auf nen Hinterhof mit ein paar Kastanien, Birken und Linden, recht hübsch, nur der Stacheldraht und die hohe Mauer trüben das Bild ein bisschen.

Die Zelle selbst ist leider noch etwas kahl, deshalb würde ich mich auch total freuen, ein paar Bilder von Wald, Baumhäusern, lieben (gerne auch lustig vermummten) Menschen, etc. geschickt zu bekommen, um die Zelle ein bisschen zu dekorieren. 

Wenigstens hab ich schon mal nen Kugelschreiber und konnte die Hakenkreuze an Wänden und Möbeln übermalen. Apropos Nazischeisse, davon gibts hier ja schon recht viel. Der erste Mitgefangene den ich hier gesehen hab, hatte gleich mal "Deutsches Reich" auf den Arm tätowiert. Die nächsten zwei meinten dann zu mir nur "schön, dass wieder mal ein Deutscher auf unser Stockwerk kommt" und boten mir sogleich einen neuen Haarschnitt, ein Hakenkreuz-Tattoo und die Mitgliedschaft in der "Aryan-Brotherhood" an. Ich habe dankend verneint.

Inzwischen hab ich aber auch einige echt nette Mitgefangene kennengelernt, mit denen ich jetzt immer abhänge. Tur*tel und Zottel hab ich auch schon gesehen, aber wir sind leider alle in verschiedenen Flügeln untergebracht, was es fast unmöglich macht sich zu treffen. Ich schätze wir werden es mal über den Gottesdienst versuchen. Kaum zu glauben, dass ich mal freiwillig in die Kirche gehe. 🙂

Ich hab mich mittlerweile auch für ein paar von den "Freizeit"-Beschäftigungen hier eingetragen. Im Schachklub bin ich schon und morgen werde ich sehen, ob meine Anträge (hier muss mensch ja echt jeden Scheiss beantragen) auf Handarbeitsgruppe und Kraftsport durchgegangen sind. Einen Fernseher hab ich schon am Freitag bekommen, aber da läuft echt fast nur Müll, also hoff ich mal, dass ich morgen auch endlich den Bücherkatalog bekomme. Mein Zellennachbar hat mir schon mal ein paar Bücher fürs Wochenende geliehen, unter anderem einen strategischen Leitfaden für Umweltkrieger, den ich aber mittlerweile fertig gelesen habe. Jetzt bleiben mir noch Gerichtsreportagen von 1950-60 und Fluch der Karibik. Ich fürchte nur, dass die Bibliothek hier nicht viel besseres zu bieten hat.

Insgesamt ist es hier aber auch nicht so langweilig, wie ich befürchtet hatte, da wir täglich 1 1/2 Stunden Hofgang und drei mal eine Stunde Aufschluss haben, d.h. alle Zellen in einem Flügel sind offen und mensch kann mit den anderen Gefangenen quatschen oder Schach spielen usw. Wenn mensch dazu die Beschäftigungsprogramme nutzt, gibts eigentlich immer was zu tun.

Das Essen hier ist, naja so lala, als vegetarisches Menü gabs heute Fischburger, den hab ich gleich in die Nachbarzelle weitergeschickt. Muss morgen mal zur Ärztin und sagen, dass ich auch keinen Fisch will. Ich hoff nur, sie kommen mir dann nicht mit "aber Hühnchen essen Sie schon, oder?".

Alles in allem lässt es sich hier aber doch aushalten, vor allem da ich mich sowieso schon länger mental drauf eingestellt habe mal hier drin zu landen und zum anderen durch das Wissen für eine gerechte Sache zu sitzen, während ihr da draußen unseren Kampf weiter führt.

Falls ihr es nicht sowieso schon über den Anwalt gehört habt, Zottel und ich sitzen hier wegen "Störung öffentlicher Betriebe" und Hausfriedensbruch. Ersteres, weil wir uns an die Schienen vom Tagebau Nochten zum Kraftwerk Schwarze Pumpe gekettet haben, zweiteres, weil wir bei der LAUtonomia-Räumung waren und die Staatsanwaltschaft jetzt behauptet, der Wald wäre "komplett mit Zäunen, Erdwällen, Schranken und Zutrittverbotsschildern eingefriedet und gegen unbefugten Zutritt gesichert" und wir "mehrfache Aufforderungen des Betreibers zum Verlassen des Geländes" ignoriert hätten.

Zudem bestünde Fluchtgefahr, weil wir Österreicher sind und weder Lebensmittelpunkt noch soziale Bindungen in Deutschland hätten und darüber hinaus aufgrund unserer "Zugehörigkeit zu einer europaweit und darüber hinaus agierender Gruppe, die sich zum Protest gegen die Nutzung fossiler Brennstoffe zusammengeschlossen hat", jederzeit in unser Heimatland zurückkehren oder uns in Obhut von Gleichgesinnten, die ähnliche Camps in ganz Europa betreiben oder planen, begeben könnten. Da haben sie sich echt ganz schön was aus den Fingern gesaugt.

Ihr könnt meinen Namen und Anschrift hier veröffentlichen, ich freu mich über Post, je mehr, desto besser.

Vielleicht hat ja mal ein Mensch hier in der Gegend Bock mich zu besuchen, ich würd mich mega drüber freuen.

Tja, ich glaub das wars fürs erste.

Lasst euch nicht unterkriegen, passt gut auf den Wald auf und esst immer schön brav euer Gemüse auf.

Grüßt alle lieben Menschen von mir und lasst euch AUF GAR KEINEN FALL räumen.

Ich wünsche euch ganz viel Kraft und hoffe, dass wir uns alle bald wieder in Freiheit sehen.

Mit Wut und Liebe,

Clumsy

One thought on “Brief #1 von Clumsy”

  1. hallo, ich möchte Dir nur mitteilen, dass ich Deine Zeilen sehr ermutigend finde und wünsche Dir die viele Kraft, die Du brauchen wirst, um die jetzige Situation zu überstehen. Die Zeit arbeitet für uns, im Moment sind die Folgen der Umweltzerstörung für die meisten Menschen noch zu leicht zu ignorieren, darum kann der Versuch, uns von einander zu isolieren, noch den Erfolg haben, die Menschen einzuschüchtern und vom Widerstand abzuhalten. Aber je unerträglicher die Lebensbedingungen werden, umso mehr werden einsehen, dass es so nicht weitergehen kann.

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